16. August 2019 | Allgemein

Kirche anders – Ein Zuhause mit Herz

Harald Orth berichtet, wie die gestandene FeG Wiesbaden das Wagnis eingeht, eine Tochtergemeinde zu gründen – und dabei Überraschungen Gottes erlebt.

Am Anfang stand das Haus, welches wir in Wiesbaden gesucht und in Taunusstein gefunden haben. Und das Haus war in Gottes Plan, aber wir haben´s nicht begriffen. Dann kam die Stille im Gebet und der Gedanke an eine neue Gemeinde. Und die Erkenntnis, dass das Haus vielleicht der Anfang von Gottes Plan war. Dann kamen Zeichen und prophetische Worte Gottes, viele Gebete und Gebets-Spaziergänge. Dazu Gespräche und Gedanken, Recherchen und Besuche, Seminare und Bücher. Schließlich Fragen und Pläne, offene und verschlossene Türen, bis wir dann unseren ersten Gottesdienst feierten.

Näher dran an Jesu Auftrag

Große, in die Jahre gekommene Gemeinden haben eine Vielzahl von Aufgaben und Handlungsfeldern, wofür zahlreiche Mitarbeiter gebraucht werden. Diese Verpflichtungen sind gut und notwendig. Dennoch: Umso mehr wir mit internen Arbeiten beschäftigt sind, desto weniger Zeit und Kraft haben wir für unseren Dienst nach draußen. Bei dem Gedanken an eine Gemeindegründung verliert dieser „Automatismus“ jedoch seine Kraft. Unser Starterteam teilt daher den Missionsauftrag Jesu: hingehen, um verlorene Menschen zu erreichen. Das ist unser wichtigstes Thema, dem wir alle anderen (gerne) unterordnen.

Neue Gemeinde, neues Blühen

Die Atacama-Wüste in Chile ist die trockenste Wüste der Erde. Doch einmal im Jahr verwandelt sie sich in der Regenzeit in ein Meer von bunten und wunderschönen Blumen. Gemeindegründung wirkt ganz ähnlich: Menschen, die bislang am Rand der großen Muttergemeinde standen, entdecken ihren neuen Platz und sind mit hoher Motivation dabei. Das große Ziel, eine neue Gemeinde vor Ort zu gründen, treibt in vielen Bereichen bunte und schöne Blüten hervor. Selbst beim Thema „Geld“ tun sich bislang ungeahnte Quellen auf.

Stolz auf eigenes Baby

Am Anfang begegneten mir in der Muttergemeinde FeG Wiesbaden große Bedenken. Wir würden beim Gründen einer Tochtergemeinde wertvolle Ressourcen verlieren: gute Mitarbeiter, Kreativität und Spenden. Doch inzwischen hat sich dieses Bild gewandelt. Nun höre ich Stimmen, die stolz darauf sind, dass Gott uns für fähig und würdig erachtet, ein Baby zu kriegen, indem wir eine Tochtergemeinde gründen. Das ist der beste Beitrag für das Reich Gottes, den eine Gemeinde bringen kann.

Beter und Mitbeter

Gott hat verschiedene Leute auf ganz unterschiedliche Weise darauf vorbereitet, dass er etwas in Taunusstein vorhat. Dann trafen sich regelmäßig zwei Ehepaare mit Gemeindegründung auf dem Herzen. Jedes ihrer Gebetstreffen endete mit der Bitte, dass Gott beim nächsten Mal mindestens zwei zusätzliche Beter schicken möge. Gott erhörte das Gebet: Nach wenigen Monaten war das Wohnzimmer zu klein. Dann kamen Gebets-Spaziergänge: Sonntagnachmittags treffen wir uns bis heute zu einem Spaziergang, bei dem wir zwei- bis dreimal in einer Gebetsgemeinschaft für die Menschen der Stadt beten und uns anschließend mit Kaffee und Kuchen belohnen.

Der Gedanke zog Kreise. Es kamen und kommen immer mehr Menschen dazu, die z. T. schon sehr lange für eine Erweckung in Taunusstein beten. Wir begannen, systematisch an die Sache ranzugehen, sprich: Feldstudie erstellen, gute Bücher zum Thema lesen, Seminare besuchen, viele Gespräche führen und immer wieder: beten, beten, beten!

Wir sind schwanger!

Parallel dazu bereiteten wir die Muttergemeinde darauf vor, vielleicht bald ein „Baby“ zu bekommen. Sehr gründlich behandelten wir die Frage: Welche Konsequenzen hat das für die Bereiche Mitarbeiter, Geld und Hauptamtliche? Wir holten Informationen bei erfahrenen Gemeindegründern ein. Auf mehreren Gemeindeversammlungen präsentierten wir der Gemeinde unsere möglichen Antworten und stimmten im Mai 2017 demokratisch ab, ob wir ein Starter-Team zur Gründung einer Tochtergemeinde einsetzen wollten. Das Ergebnis war überwältigend: 90 % waren dafür!

Dann kam der Sonntag, an dem wir in einem „Aussendungsgottesdienst“ 32 Leute als Starter-Team aussandten, um in Taunusstein mit der Gründungsarbeit zu beginnen. Ein erhebender Moment. Es folgte eine Starter-Freizeit, auf der wir uns intensiver mit den Themen „Gemeindeprofil, Auftrag und Vision“ beschäftigten. Anschließend lasen wir gemeinsam das Buch „Kirche mit Vision“ von Rick Warren, führten eine Fragebogenaktion in der Stadt durch und trafen uns immer wieder zum gemeinsamen Beten.

Starter-Team mit Vision

Wir hatten uns im Vorfeld dazu entschieden, den Prozess der Gemeindegründung in fünf Phasen einzuteilen: Gebet – Starter-Team – Vorschaugottesdienste – Intensivierung – Eröffnung. Die zweite Phase des Starter-Teams war intern sehr wichtig. Zum einen, weil wir uns durch die intensive Zusammenarbeit besser kennenlernten. Zum anderen, weil wir das große und wichtige Ziel vor Augen hatten, ein Gemeindeprofil zu erarbeiten, mit dem wir unsere Mitbürger in Taunusstein erreichen. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist unsere Vision: „Wir wollen für die Menschen in Taunusstein ein Zuhause schaffen, in dem liebevolle Beziehungen gelebt werden und wir gemeinsam die verändernde Kraft Gottes erfahren.“

In der dritten Phase haben wir mit Begeisterung unseren ersten Gottesdienst geplant. Wir haben gehofft und gebetet, dass nicht nur Christen aus anderen Gemeinden kommen, sondern vor allem Menschen, die Jesus und sein Evangelium noch nicht kennen und/oder ihm kritisch gegenüberstehen: Menschen, die enttäuscht sind, die schlechte Erfahrungen und Verbitterungen mit sich herumtragen, die nur im Diesseits leben und den Gedanken an ein Leben danach verdrängen. Menschen wie die Frau, die mir bei einem Haus-zu-Haus-Einsatz sagte: „Wenn Sie mir beantworten können, warum mein Mann mit 45 Jahren sterben musste, dann komme ich zu Ihren Gottesdiensten.“ Ich hoffe, meine Antwort hat ihr geholfen.

Der erste Gottesdienst

„Leben oder gelebt werden? – Worin liegt der Unterschied?“ Unter diesem Thema fand am 25. Februar 2018 unser erster Gottesdienst in Taunusstein statt. Nach intensiven Vorbereitungen waren alle sehr gespannt und auch ein wenig aufgeregt. Wie wird er werden, dieser erste Gottesdienst? Wird alles gut und ohne Panne ablaufen?

Angefangen beim Parkplatzeinweisen über die Technik, Kindergottesdienst und Catering bis hin zu Musik und Predigt – es gab viele Bereiche, in denen etwas hätte schieflaufen können. Hinzu kam, dass wir noch nie eine solche Veranstaltung im Bürgerzentrum Hahn durchgeführt haben. Alles war neu und fremd. Aber trotz dieser vielen unkalkulierbaren Dinge lief alles wunderbar und wir wurden reich gesegnet. Über 200 Menschen sind unserer Einladung gefolgt und haben mit uns gemeinsam gelacht, gesungen und gestaunt. Sie haben gegessen und gehört, dass Gott sie liebt. Er ist uns nah und wirkt, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er ruft und begegnet uns manchmal auf ganz eigenartige Weise – wie Mose in einem brennenden Dornbusch. Das sollte uns aber nicht abschrecken oder verwirren. Im Gegenteil: Die Reaktion des Mose wurde allen Hörern nahegelegt: Stehen bleiben und nachfragen. Dann kann aus zweifeln und suchen eine echte Gottesbegegnung werden. Das macht einen echten Unterschied.

Tochtergemeinden gründen

Dies ist die Kurzversion der vielen Erfahrungen, die wir in den letzten 18 Monaten mit der Gemeindegründung gemacht haben. Das Gründen einer Tochtergemeinde bringt Frucht hervor. Deshalb möchte ich dafür werben. Denn ich habe den Eindruck, dass das Modell Mutter-Tochtergemeinde in unserem Bund noch viel zu unterbelichtet ist.

Harald Orth | Pastor der FeG Wiesbaden und der Neugründung in Taunusstein

Weitere Infos: http://kircheanders.de/

Diese Story ist in CHRISTSEIN HEUTE erschienen.